Corona: Hochkonjunktur der Verschwörung

Prof. Andreas Kastenmüller ist Inhaber des Lehrstuhls für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Siegen. Foto: Katrin Wagner

SIEGEN (idw). Warum haben Verschwörungstheorien in der Corona-Krise Hochkonjunktur? Und wie kann man mit Verschwörungstheoretikern im Bekanntenkreis umgehen? Psychologe Prof. Andreas Kastenmüller und Literaturwissenschaftler Dr. Niels Penke von der Universität Siegen liefern Antworten.

Die Corona-Krise bietet gleich in mehrfacher Hinsicht einen Nährboden für Verschwörungstheorien. „Menschen haben ein Bedürfnis, Dinge zu erklären und vorherzusagen. Das gibt ihnen zumindest die Illusion von Kontrolle“, erklärt Prof. Dr. Andreas Kastenmüller, Inhaber des Lehrstuhls für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Uni Siegen. Die Verschwörungstheorien könnten dabei helfen, diese vermeintliche Kontrolle zurückzuerhalten, ein positives Gefühl geben. Dass ein Virus durch eine Verkettung von Zufällen auf den Menschen überspringt und solch drastische Auswirkungen hat, dass WissenschaftlerInnen ihre Meinung und PolitikerInnen ihren Kurs ändern, akzeptieren VerschwörungstheoretikerInnen nicht. „Sie erkennen Muster und schustern daraus Theorien zusammen. Je weniger Informationen ich habe – und im Falle des Coronavirus sind es sehr wenige – desto leichter ist es, eine eigene, zusammenhängende Geschichte zu entwickeln“, so Prof. Kastenmüller. Für Verschwörungstheorien seien vor allem Menschen anfällig, die überwiegend intuitiv denken würden – und weniger analytisch. „Verschwörungstheorien sind beliebt, weil sie einfach zu verarbeiten sind“, sagt der Psychologe.

Was aber soll ich tun, wenn im WhatsApp-Chat die Nachbarin zum Protest aufruft oder der Onkel in Bill Gates die Wurzel allen Übels sieht? Keine leichte Situation, so Prof. Andreas Kastenmüller. „Anhänger und Anhängerinnen von Verschwörungstheorien sind schwer von anderen Meinungen zu überzeugen. Sie suchen selektiv nach Informationen, die zu ihrer Meinung passen.“ Einfach ignorieren ist allerdings nicht die beste Variante. „Wenn ich nichts sage, wird das als stillschweigendes Einverständnis angesehen. Man sollte auf jeden Fall sagen, dass man anderer Meinung ist“, so Prof. Kastenmüller. Dafür brauche es aber Zivilcourage und im Idealfall gute Argumente.

Mai 23rd, 2020 by
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