Nachrichtenkompetenz in Schulen „unterbelichtet“

BERLIN (oh). Nachrichtenkompetenz ist als Thema in deutschen Schulbüchern „unterbelichtet“. Dabei wird es in Zeiten des Internets und der Sozialen Netzwerke mit ihren vielen Nachrichtenquellen von oft unklarer Herkunft immer wichtiger, sich mit Journalismus und der Qualität von Nachrichten auszukennen. Doch auch in den Lehrplänen finden sich wenige Vorgaben, ob und was Schüler im Bereich Journalismus und Nachrichtenkompetenz lernen sollen.

Das sind erste Ergebnisse einer aktuellen Studie im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse, die vom Projektleiter Professor Lutz Hagen vor Kurzem auf dem Zeitungskongress des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger in Berlin vorgestellt wurden.

 

Prof. Lutz Hagen spricht auf dem BDZV-Zeitungskongress 2016. Foto: Informationsdienst Wissenschaft (idw)

Prof. Lutz Hagen spricht auf dem BDZV-Zeitungskongress 2016. Foto: Informationsdienst Wissenschaft (idw)

Immerhin jedes zweite Schulbuch aus den Fächern Deutsch, Geschichte, Ethik und Gemeinschaftskunde in den Ländern Sachsen, Berlin oder Nordrhein-Westfalen geht punktuell auf Nachrichtenmedien und journalistische Inhalte ein. Dabei beschränken sich die Ausführungen aber nur auf wenige Seiten und machen im Durchschnitt allenfalls ein bis zwei Prozent des Textes aus. Auch auf der politischen Ebene wird Nachrichtenkompetenz nicht besonders wichtig genommen: Sowohl in Leitlinien der Kultusministerkonferenz als auch in den Lehrplänen der Bundesländet gibt es bislang nur sehr wenige Vorgaben zur Vermittlung von Nachrichtenkompetenz.

Die Ergebnisse basieren auf einer qualitativen Analyse von Dokumenten der Kultusministerkonferenz (KMK) und Lehrplänen sowie auf einer quantitativen Inhaltsanalyse von insgesamt 339 Schulbüchern der drei wichtigsten Verlage Cornelsen, Klett und Westermann. Im Blickpunkt standen dabei a) die Bundesländer Sachsen, Berlin und Nordrhein-Westfalen, b) die Schulfächer Deutsch, Geschichte, Ethik und Gemeinschafts- bzw. Sozialkunde, c) die Schulformen Realschule und Gymnasium und d) die Klassenstufen 5 bis 10.

Die Analyse der KMK-Dokumente und der Lehrpläne zeigt, dass Medienbildung im Allgemeinen bereits als ein wichtiger Auftrag der Schulen verstanden wird. Insbesondere für die Schulfächer Deutsch und Gemeinschaftskunde finden sich vielfältige Vorgaben zu nahezu allen Dimensionen der Medienkompetenz. Thematisiert werden der kompetente Einsatz von Medien, Medienkunde, Medienkritik sowie Mediengestaltung. Lediglich die gesellschaftliche Relevanz von Medien wird dabei kaum beachtet. Die Förderung von Nachrichtenkompetenz – also der Fähigkeit Nachrichtenmedien zielgerichtet zu nutzen, zu verstehen, kritisch zu beurteilen sowie an der Nachrichtenproduktion zu partizipieren – wird hingegen nur in sehr wenigen Dokumenten explizit angesprochen.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse der Studie einen Nachholbedarf in Vermittlung von Nachrichtenkompetenz in Schulen auf. Die für Demokratie und gesellschaftliche Teilhabe notwendige Fähigkeit, Nachrichten kompetent rezipieren zu können, hat bisher noch keinen ausreichenden Niederschlag in der Bildungspolitik erfahren. In den Schulbüchern gibt es zwar durchaus erste Angebote zur Auseinandersetzung mit journalistischen Inhalten, doch übergeordnetes Wissen zu Produktionsbedingungen und Wirkungen von Medieninhalten sowie der generellen Bedeutung von Nachrichten(medien) spielen bisher nur eine untergeordnete Rolle.


Oktober 9th, 2016 by
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