Flüchtlingskrise: Medien vermitteln kein realistisches Bild

DORTMUND (idw). Bei einer Konferenz am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus haben sich Fachleute mit der Rolle der Medien bei der Migration aus Afrika beschäftigt: Gefördert vom Auswärtigen Amt brachte das Institut hochrangige Fachleute zusammen, die sich im Rahmen von Vorträgen und Diskussionen aus europäischer und afrikanischer Perspektive mit der Flüchtlingskrise auseinandersetzen.

Die TU Dortmund veranstaltete die Konferenz gemeinsam mit der Universität Bamberg und der Initiative Africa Positive in Kooperation mit der Deutschen Welle. Prof. Susanne Fengler vom Institut für Journalistik fasst einige Ergebnisse der Konferenz zusammen.

Vermitteln die Medien in Afrika ein realistisches Bild von Europa als Zufluchtsort?
Nein. Die gegenwärtige Flüchtlingskrise in Europa wird in den Medien der afrikanischen Länder kaum beachtet. Vor allem fehlt es an Hintergrundinformation. Viele Medien beschränken sich auf Sensationsmeldungen – wie viele junge Afrikaner beispielsweise wieder einmal bei einem Unglück mit einem der Schlepperboote ums Leben gekommen sind. Grundproblem ist, dass die wenigsten Medien in afrikanischen Ländern die Mittel für Auslandsberichterstattung haben. Nicht einmal Geld für internationale Nachrichtenagenturen ist vorhanden. Aber auch die – für die afrikanischen Länder viel gravierenderen – innerafrikanischen Flüchtlingsströme werden von den hiesigen Medien kaum thematisiert.

Spiegeln europäische Medien einen ungeschönten Eindruck von der Willkommenskultur hierzulande?
Zu Beginn gab es durchaus in vielen gerade deutschen Redaktionen einen starken Impuls, die vielen sehr positiven Beispiele für die Hilfsbereitschaft gerade der deutschen Zivilgesellschaft zu zeigen. Jetzt geht es darum, die Vielfalt der gesellschaftlichen Herausforderungen und Folgeprobleme darzustellen, ohne in Stereotype zu verfallen – in Deutschland und Europa. Damit kämpfen auch die Medien in anderen europäischen Ländern. In Schweden brennt derzeit Tag für Tag eine Flüchtlingsunterkunft nieder. Französische Medien haben die ungarische Regierung heftig kritisiert – aber kaum thematisiert, dass Frankreich später kurzzeitig selbst die Grenzen schloss.

Gibt es eine Vernetzung von europäischen und afrikanischen Journalistinnen und Journalisten, um das Geschehen in den jeweiligen Ländern und Kontinenten besser zu verstehen?
Gemeinsam mit dem Verein Africa Positive e.V. plant das Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus eine Plattform, die junge afrikanische und europäische Journalistinnen und Journalisten miteinander vernetzt. Ziel ist genau dies: Ein realistischeres Bild vom jeweils anderen Kontinent zu schaffen, indem professionelle Recherche geübt und Hintergrundwissen vermittelt wird.

INFO
Zur Person: Prof. Susanne Fengler ist seit dem Frühjahr 2008 Professorin für Internationalen Journalismus am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Die 1971 in Dortmund geborene Kommunikationswissenschaftlerin ist zudem Leiterin des Erich-Brost-Instituts.

November 8th, 2015 by
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